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#46 RE: Bedingungsloses Grundeinkommen von Caddy 30.03.2011 13:29

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"Rechen können wir, jetzt sind andere Sachen dran"

Gespräch über die 3sat-Dokumentation zum Grundeinkommen und den anstehenden Kongress bedingungslos.ch in Zürich.

http://www.youtube.com/watch?v=-99vvgwbq6A

#47 RE: Bedingungsloses Grundeinkommen von Caddy 03.04.2011 12:35

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Jährlich werden mehr als 700 000 Sanktionen verhängt. Eine Sanktion bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die ohnehin niedrigen Regelleistungen gekürzt werden. Die Wirkung dieser Sanktionen ist verheerend. Zum einen widersprechen sie dem Grundrecht auf ein soziokulturelles Existenzminimum, zum anderen führen sie bei den Betroffenen zu Existenzangst, ja, zu richtiger existenzieller Not .Die Linke fordert deswegen: Weg mit den Sanktionen.

http://www.youtube.com/watch?v=Kjbpxgna2xo

#48 RE: Bedingungsloses Grundeinkommen von Caddy 22.06.2011 17:10

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Di e Me n s c h e nwü r d e i s t u n a n t a s t b a r

Brandbrief eines entschiedenen Bürgers
Ralph Boes, Spanheimstr. 11, 13357 Berlin
ralphboes@freenet.de

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
sehr geehrte Frau Arbeitsministerin von der Leyen,
sehr geehrter Vorsitzender des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit, Herr Dr. Weise,
sehr geehrter Geschäftsführer des Jobcenters Mitte, Berlin, Herr Schneider,

wir alle sind Bürgerinnen und Bürger eines Staates, der sich ein Grundgesetz gegeben hat, in
dem es im ersten Satz schon heißt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten
und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Für viele mag dieser Satz vielleicht nur noch wie ein Sandkorn erscheinen, welches längst
unter dem Druck der Ereignisse abgeschliffen und in den Sedimentschichten schier
unübersehbarer Anzahlen weiterer politischer Entscheidungen und Gesetze untergegangen ist
- und man wird leicht als weltfremd, ja fast schon als Phantast betrachtet, wenn man die
derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen noch am Maßstab eines solchen
Satzes misst.
Wir können ihn aber nicht umgehen. Gehoben als tiefe Lehre aus den unglaublichen
Verbrechen des dritten Reichs, befestigt als Willensentscheid und Verpflichtung, die
unbedingt eingehalten werden müssen, ist er der Grundstein unsrer Republik.
So sehr ist er der Grundstein, dass eines Tages die Historiker, wenn sie rückschauend die
Bundesrepublik betrachten, sagen werden:
„Nicht ein König oder Kaiser wie durch über 1000 Jahre davor, nicht ein Diktator,
wie danach, sollte der Bundesrepublik Deutschland ihren inneren Traggrund und ihre
innere Rechtfertigung geben, sondern der gemeinsame Wille des Volkes und seines
Rechtswesens, die Würde des Menschen unbedingt zu achten und zu schützen.“
Und selbstverständlich werden diese Historiker Aufstieg, Entfaltung – und gegebenenfalls das
Scheitern dieser Republik an diesem, von der Bundesrepublik sich selbst gestellten, Ideale
messen.

(II)
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
sehr geehrte Frau Arbeitsministerin von der Leyen,
sehr geehrter Herr Dr. Weise,
sehr geehrter Herr Schneider,

ich schreibe, um öffentlich meine persönlichen Konsequenzen aus einem Missstand zu
ziehen, der schon seit Jahren in unserem Lande waltet: Wir haben dieses Grundgesetz, den
Grundstein unserer Republik, und dennoch hat sich ein Umgang mit den Bürgern eingestellt,
der keineswegs dem Grundgesetz entspricht: Ich spreche von Hartz IV!
Zunächst ist Hartz IV natürlich nichts weiter, als der gut gemeinte staatliche Versuch,
Menschen, die aus der Erwerbsarbeit herausgefallen sind, Hilfe zum Lebensunterhalt und
Hilfe auf dem Weg zurück ins Arbeitsleben zu gewähren. Der Versuch ist ehrenhaft und
entspricht durchaus dem Auftrag der Verfassung. Man könnte sie stattdessen ja auch auf der
Straße liegen lassen.
2
Nicht weniger ehrenhaft – und für den ersten Blick verständlich – ist, dass man im Hinblick
auf die erwünschte, vom Arbeitslosen zu leistende „Selbsthilfe“ nach quasi therapeutischen
Grundsätzen verfährt: einerseits „so viel Hilfe wie nötig“ andererseits dabei aber „so wenig
Hilfe wie möglich“ zu gewähren. Und es zwingt dem Betrachter direkt Hochachtung ab, zu
sehen, welch große Summe Geldes man, neben der Lebensgrundsicherung der Arbeitslosen,
gut gemeint in sogenannte „Aktivierungs-“ und „Qualifizierungsmaßnahmen“ fließen lässt.
So titanisch die Anstrengungen, so wenig werden sie allerdings positiv wirken, denn der
Versuch zur aktivierenden Selbsthilfe ist in der heutigen Zeit schon vom Grund her falsch
gedacht. Problem ist, dass nicht die heutigen Arbeitslosen sondern die gewandelten
Produktionsbedingungen die vornehmliche Ursache heutiger Arbeitslosigkeit sind!
In den 1970/1980-er Jahren wäre das gegenwärtig praktizierte „Fordern und Fördern“
durchaus sehr sinnvoll gewesen. Wenn damals jemand „arbeitslos“ war, lagen die Gründe mit
hoher Wahrscheinlichkeit bei ihm. In der alten Bundesrepublik wurden Mitarbeiter auf allen
Arbeitsfeldern dringend gesucht.
Hätte man damals den Arbeitslosen die Chance gegeben, sich umzuschulen oder
weiterzubilden, wie es heute angeboten wird und hätte man ihnen mittels therapeutischer
Maßnahmen geholfen, sich wieder voll ins Leben zu stellen, statt sie in einem damals stabilen
Hilfssystem nur endzulagern, dann hätte das vermutlich viel gebracht. Denn der Schritt hinaus
aus der Arbeitslosigkeit wäre der Schritt hinein in ein vibrierendes, sinnvolles – und gut
bezahltes (!) Arbeitsleben gewesen.

(III)
Wie anders ist das aber heute! Der Arbeitsmarkt ist mehr als gesättigt. Die heutigen
Arbeitslosen sind im Allgemeinen nicht menschliche Problemfälle, die ausgeschieden sind,
weil sie selbst in irgendeiner Weise Einschränkungen haben und entsprechend therapiert
werden müssten. Zum Größtteil sind sie durch die Produktionskraft der Maschine aus der
Arbeit freigestellt. Die Regale sind gefüllt und eine Vielfalt an Waren ist vorhanden, die alles
je Dagewesene in unverschämtem Maße übersteigt - ohne dass die menschliche Arbeitskraft
noch wie ehedem gebraucht wird: das ist das Problem.
Wir handeln zeitverschoben – behandeln heute eine Krankheit von gestern (die wir gestern
allerdings nicht behandelt haben), während wir die Krankheit von heute noch nicht sehen.
Wie ein Arzt, der einen Patienten auf Lungenkrankheit behandelt, während in Wahrheit die
Luft zum Atmen fehlt, therapieren wir die Arbeitslosen mit Instrumenten, die längst nicht
mehr passen und dadurch (!) Folterinstrumente sind.

(IV)
Nicht die Menschen müssen „therapiert“, sondern die Verhältnisse müssen weiterentwickelt
werden. Wenn alle Energie darauf verwendet wird, die Arbeit sich selbst verrichten zu lassen
und die Menschen aus der Arbeit zu befreien – und Industrie und Wirtschaft verfolgen genau
dieses Ziel: schon in ihrer Produktion, erst recht aber mit den Produkten, die sie dem Kunden
liefern; sie repräsentieren damit längst die Gegenrichtung zur gegenwärtig gültigen
politischen Vollbeschäftigungsdoktrin – dann müssen die Menschen ein Einkommen erhalten,
welches sie unabhängig vom sog. „Arbeitsmarkt“ macht und ihnen die Freiheit nicht als
notdürftige „Arbeitslosigkeit“ sondern als echte Freistellung gibt.
Bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine Lösung des Problems, ein Einkommen für
jeden, sowohl für den Nicht-Erwerbstätigen als auch für den Erwerbstätigen, welches ihnen
3
allen unabhängig von den Rationalisierungsmaßnahmen der Wirtschaft die Freiheit für eine
eigene Lebensgestaltung – und mehr noch: für eigene Initiativen schenkt.
Durch die allgemeinen Rationalisierungsmaßnahmen stellt sich die Notwendigkeit zu einem
bedingungslosen Grundeinkommen an allen Orten – nicht nur in Deutschland, sondern in der
ganzen Welt. Die Befürchtungen, die sich an einen solchen Vorschlag knüpfen, sind vielfältig
entkräftet 1, Vorteile für Menschen, Wirtschaft und Kulturentwicklung umfassend dargestellt,
und Ideen, wie es einzurichten ist, von vielen Seiten vorgelegt.
Statt aber über eine solche Lösung des Problems nachzudenken, pressen wir die Freigestellten
gewaltsam in einen Arbeitsmarkt zurück, der sie längst ausgestoßen hat, weil er sie längst
schon nicht mehr braucht. Wir lassen sie nicht zur Besinnung kommen, bestrafen ihren
gesunden Unmut, sich nur noch von einer Sackgasse in die andere getrieben zu sehen - und
dann wundern wir uns, dass sich sowohl in der Welt der Arbeitslosigkeit als auch in der Welt
des so künstlich geschaffenen und immer mehr aufquellenden Niedrigstlohnsektors
strukturelle und menschliche Verhältnisse ausbilden, die jeglicher Beschreibung spotten.

(V)
Die Würde des Menschen ist unantastbar? Durch die strukturelle Fehlbehandlung treten ganz
andere Tatsachen als die grundgesetzlich garantierten in unserer Gesellschaft auf.
Zuerst ist die „Würde des Menschen“ selbst zu nennen: Es ist kein Geheimnis, dass, nachdem
das Modell der aktivierenden Selbsthilfe auf allen Ebenen gescheitert ist, der Größtteil aller
Beschäftigungs- und Fortbildungsmaßnahmen in Hartz IV heute nur noch den Sinn hat, die
Betroffenen zu kontrollieren! Versorgt mit einem weitestgehend unzureichenden
Einkommen2, aber doch gesund und arbeitsfähig – besteht die Gefahr, dass sie „schwarz“
arbeiten gehen.
Damit der verbleibende Teil der Erwerbstätigen dadurch nicht ebenfalls in die
Arbeitslosigkeit gerissen und das Saatseinkommen abgegraben wird, müssen die Menschen
künstlich beschäftigt werden. Und nicht nur künstlich, sondern auch sinnlos, denn es darf die
ihnen verordnete Arbeit den übrig gebliebenen Arbeitsmarkt nicht unterlaufen.

(VI)
Menschen mit Arbeit zu beschäftigen, die sinnlos ist, setzt die Menschenwürde außer Kraft -
und sie zu bedrohen mit Hunger und mit Obdachlosigkeit, wenn sie dem Zwang zum Unsinn
nicht Folge leisten, erst recht.
Scharf formuliert haben wir in Hartz IV das erste Sklavenheer der Weltgeschichte, welches
gezwungen ist, sinnlose Arbeit zu leisten.3 Und in den Sanktionierungen mit Hunger und
Obdachlosigkeit haben wir ein Zuchtmittel, welches jede noch so berechtigt erscheinende
Hilfsmaßnahme des Staates zum Existenz bedrohenden Zwangsmittel macht.4
Ich möchte nur die Paragraphen nennen, die durch die gegenwärtige Praxis außer Kraft
gesetzt sind:
1 Z.B. ist zum Zweifel zur „Finanzierbarkeit“ des BGE zu sagen: Was immer von Gegnern dazu behauptet wird -
es gilt: Eine die Ursachen treffende Therapie wird immer billiger als eine falsche sein.
2 Selbst Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Nürnberger Anstalt für Arbeit, gibt inzwischen zu, dass die Höhe
von Hartz IV menschenunwürdig ist
3 Wir haben in Hartz IV nicht nur das erste Sklavenheer der Weltgeschichte, welches gezwungen wird sinnlose
Arbeit zu leisten – sondern welches den Sklavenhalter auch noch Geld kostet.
4 Bedrohung mit Hunger und Obdachlosigkeit (S. §31, SGB II) ist härter als Bedrohung mit Gefängnis -
Gefängnis ist würdiger durchzustehen - es sei denn, dass man dort gefoltert wird.
4
· Artikel 1 des Grundgesetzes: („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) 5
· Artikel 2 GG: (Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit) 6
· Artikel 11 GG: (Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet) 7
· Artikel 12 GG: (Freie Berufswahl / Verbot von Zwangsarbeit) 8
· Artikel 13 GG: (Unverletzlichkeit der Wohnung) 9
Weiter:
· Artikel 6 GG: (Schutz der Familie) 10
Nicht „außer Kraft gesetzt“ sondern einfach nicht beachtet wird
· Artikel 19 GG („Zitiergebot“),
der fordert, dass bei vom Grundgesetz abweichenden Regelungen der entsprechende Artikel
des Grundgesetzes genannt und die Abweichung begründet werden muss, wobei in keinem
Fall ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden darf. 11
Schon allein weil dieser Artikel nicht beachtet wird, sind größte Teile des SGB II, vor allem
die darin enthaltenen Sanktionsmaßnamen (§ 31), als nicht gültig anzusehen.
Mehr als ein Drittel der 19 Menschenrechtsartikel sind damit außer Kraft gesetzt. Zu den
damit systematisch praktizierten Menschenrechtsverletzungen gehört auf entscheidende
Weise mit hinzu, in welchen Tönen man in großen Teilen von Presse und Politik über den
Hartz IVler spricht. Wenn öffentlich das Bild gezeichnet wird, der Hartz IVler sei ein
5 Art. 1 GG (1): Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller
staatlichen Gewalt.
6 Art. 2 GG (1): Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte
anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
7 Art. 11 GG (1): Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet. [Dieser Satz wird allerdings
eingeschränkt durch:] (2) Dieses Recht darf nur (…) für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine
ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen
würden (…) [Wenn nach Satz (2) keine besonderen Lasten für die Allgemeinheit entstehen, dürfte auch das
Grundrecht auf Freizügigkeit nicht eingeschränkt werden! - Bei bedingungslosem Grundeinkommen hätte
allerdings jeder eine ausreichende Lebensgrundlage und der Passus könnte ganz entfallen.]
8 Art. 12 GG (1): Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen (…)
(2): Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen
allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht (…) [Die Definition für „Zwangsarbeit“ lautet
nach Wikipedia: Als Zwangsarbeit wird eine Arbeit bezeichnet, zu der ein Mensch unter Androhung einer Strafe
oder eines sonstigen empfindlichen Übels, gegen seinen Willen, gezwungen wird. Da die Ablehnung eines
„Arbeits-“, „Fortbildungs-“ oder sinnfreien „Beschäftigungsangebotes“ vom Jobcenter mit einer Streichung des
Lebensunterhaltes sanktioniert wird, liegt in den meisten Fällen Zwangsarbeit vor.]
9 Die Unverletzlichkeit der Wohnung wird heute von den Jobcentern systematisch missachtet. Unangemeldete
Kontrollen - und Sanktionen, wenn man nicht bedingungslos kooperiert - sind Alltag in Hartz IV.
10 Art. 6 GG (1): Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. (…)
(4): Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. (…) [Ich erwähne den
Artikel, weil die natürliche Hilfsbereitschaft in Familien in der Konstruktion der Bedarfsgemeinschaften in Hartz
IV nicht geschützt oder verstärkt sondern zu einer Zwangshilfspflicht umgedeutet und staatlicherseits durch
massive Kürzung der Hilfeleistung ausgebeutet wird. Familien werde in existenzielle Nöte getrieben, die sie
auseinander brechen lassen. Auch Familienarbeit wird nicht gestützt sondern sanktioniert. Sie gilt als
ehrenamtlich und ist Familienangehörigen im Wesentlichen untersagt. Wird ein Mitglied der Familie
sanktioniert, trifft die Kürzung die ganze Familie, was nichts als Sippenhaft bedeutet. In Not geratenen Eltern
werden in die Kinder weggenommen, statt dass man die Familie stützt. Kindergeld und Alimente werden nur in
weit unzureichender Höhe akzeptiert und außerdem vom Einkommen der Eltern abgezogen.]
11 Art.19 GG (1): Soweit nach diesem Grundgesetz ein Grundrecht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes
eingeschränkt werden kann, muss das Gesetz allgemein und nicht nur für den Einzelfall gelten. Außerdem muss
das Gesetz das Grundrecht unter Angabe des Artikels nennen. (2): In keinem Falle darf ein Grundrecht in
seinem Wesensgehalt angetastet werden. (…)
5
ungepflegtes 12, unzuverlässiges und faules Subjekt, das nur mit Sanktionen bewegt und
kontrolliert werden kann, wenn behautet wird: „Die Erhöhung von Hartz IV war ein Anschub
für die Tabak- und Spirituosenindustrie" 13 und weiter, man dürfe dem Hartz IVler kein Geld
für seine Kinder geben, weil er es nur missverwendet 14, dann beschreibt man nur die dunklen
Schatten der Verhältnisse, die man selbst erst durch das entwürdigende Hartz IV-System ins
soziale Leben gepfahlt hat. Bezogen auf die realen Menschen, die Hartz IV beziehen, ist das
aber Volksverhetzung 15 und sollte von Seiten des Staates (!) geahndet werden.

(VII)
Wir leben in einer Zeit weltweit aufflammender Revolutionen. Selbst in Deutschland ist die
Lage inzwischen so angespannt, dass man befürchten muss, auch hier eine Revolte
auszulösen, nur weil man sich entschieden auf den Boden der grundgesetzlich garantierten
Menschenrechte stellt; nur weil man auf die natürlichste Weise ein Recht wieder in Anspruch
nimmt, welches einem selbst dann gehören würde, wenn es nicht im Grundgesetz verankert
wäre.
Man kann das Eintreten für die Menschenrechte deshalb scheuen. Es aber zu unterlassen
bedeutet, dass sich die Unrechtsverhältnisse immer weiter etablieren.
Ich möchte deshalb folgende praktische Konsequenzen ziehen:
Ab heute widerstehe ich offen jeder staatlichen Zumutung, ein mir unsinnig erscheinendes
Arbeitsangebot anzunehmen oder unsinnige, vom Amt mir auferlegte Regeln zu befolgen.
Auch die durch die Wirklichkeit längst als illusorisch erwiesene Fixierung auf
"Erwerbsarbeit" lehne ich in jeder Weise ab.
Ich beanspruche ein unbedingtes Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben, welches ich
einer von mir selbst gewählten, mir selbst sinnvoll erscheinenden und mir nicht von außen
vorgeschriebenen Tätigkeit widmen darf - auch wenn ich durch die wirtschaftlichen und
politischen Verhältnisse gezwungen bin, dafür Hartz IV in Anspruch zu nehmen.
Ich spreche jede Arbeit heilig, die aus einem inneren ernsten Anliegen eines Menschen folgt
- unabhängig davon, ob sie sich äußerlich oder innerlich vollzieht
- und unabhängig davon, ob sie einen "Erwerb" ermöglicht oder nicht!
Eine Gesellschaft, die nur auf Erwerbsarbeit setzt, schaufelt sich ihr eigenes Grab, weil sie
die wesentlich ursprünglicheren und bedeutenderen (!) seelischen und geistigen Antriebe
zur Arbeit missachtet und schon das Denken der Mutter über die Erziehung ihrer Kinder,
nicht weniger die Arbeit eines Menschen, der in Liebe einen hilfsbedürftigen Freund oder

12 Kurt Beck: „Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job…“
13 Philip Missfelder, Vorsitzender der CDU/CSU-Nachwuchsorganisation Junge Union, im Februar 2009.
14 Frank Steffel, Berliner Abgeordneter der CDU, schlägt sogar vor, Eltern, die den Bildungsgutschein nicht
beantragt haben, zu sanktionieren: http://www.welt.de/politik/deutschland/a...utscheinelassen-
sich-nicht-versaufen.html
15 Den Tatbestand der Volksverhetzung definiert § 130 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs:
Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,
1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile
der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder
zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder
2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung
oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der
Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe von drei
Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
6

Angehörigen pflegt, noch unter das Produzieren und Verkaufen von Klopapier und
Gummibärchen stellt! 16
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland weiter einen Weg verfolgen will, der die so
mühsam errungenen Menschenrechte außer Kraft setzt und Ängste vor Sanktionen,
unwürdiger Arbeit und sozialstaatlicher Totalüberwachung zum Alltag von abermillionen
Menschen macht - und fordere deshalb dazu auf,
– alle gegen die Freiheitlichkeit der Gesellschaft und die individuellen Menschenrechte
gerichteten Paragraphen im Sozialgesetzbuch II zu löschen, vor allem die Paragraphen 2, 31
und 32,
– und den Artikeln 1, 2, 6, 11, 12, 13 und 19 des Grundgesetzes wieder uneingeschränkte
Gültigkeit zu verschaffen.
Natürlich rechne ich mit Sanktionen, weil man nach SGB II kaum anders als mit Sanktionen
auf eine solche Ankündigung reagieren kann.
Wenn ich Sanktionen erhalte, ist im Sinne der Wiedereinsetzung der Grundrechte der
Klageweg zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe geöffnet. Es wird darum gehen, ob
der Mensch in Deutschland ein bedingungsloses Existenzrecht hat, oder ob er sich ein
menschenwürdiges Leben erst verdienen und dafür Zwangsgehorsam, Zwangsarbeit oder
unwürdige Niedrigstlohnarbeiten leisten muss. Weiter wird es darum gehen, ob der Staat
bestimmen darf, was Sinn im Leben eines einzelnen Bürgers macht, oder ob das Urteil
darüber nicht jedem Einzelnen selbst zu überlassen ist.
Wenn ich Sanktionen nicht erhalte erheben wir diese Situation zum Präzedenzfall:
Sanktionsfreiheit muss dann für alle gelten!

Sehr geehrte Angeschriebene, ich ahne, wie groß die Fragen und wie hoch die Hürden eines
Umdenkens und Umsteuerns auf sozialem Felde sind. So möchte ich den Brief nicht enden,
ohne Ihnen die volle Mitwirkung meinerseits als auch diejenige einer großen Anzahl von mit
mir verbundenen Freunden und Experten (Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler,
Unternehmer, Banker, Staatsbeamte, Philosophen, Politiker, Kleriker, Künstler,
Gewerkschaftler, Betroffener in Hartz IV usw.) zuzusichern. Denn dass Lösungsansätze, die
da sind 17, auch aufgegriffen werden können, darauf kommt es vor allen Dingen an.

Jetzt sind Sie gefordert!

Mit freundlichem Gruß
- Berlin im Juni 2011 -
Ralph Boes

16 Es ist beides wichtig: die volkswirtschaftlich unmittelbar bedeutsame Arbeit (wie eben das Produzieren und
Verkaufen von Klopapier und Gummibärchen), die daher auch unmittelbar bezahlt werden kann - und die
volkswirtschaftlich nur mittelbar bedeutsame Arbeit (wie z.B. jede Form der Familienarbeit, der
Nachbarschaftshilfe, des ehrenamtlichen bürgerschaftlichen Engagements, der Kulturarbeit, aber auch der
Ausbildung, des Studiums, der Psychotherapie), deren wohltätige Wirkungen dem Volk oft erst später und auf
Umwegen zu Gute kommen können. - In letzterer haben wir in Wahrheit die Basis des Wohlergehens und der
gesamten gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung eines Volkes. Sie zu ächten, sie dem Freigestellten zu
verbieten, wie das heute in Hartz IV geschieht, ist Dummheit! Durch die von Herzen kommende Hingabe, in der
sie geleistet wird, und durch die dadurch entstehende hohe Kompetenz, ist Sie als doppelt wertvoll anzusehen!
Wer sie nicht fördert und stattdessen die Menschen in künstliche Beschäftigungen und unwürdige
Niedriglohnarbeiten zwingt – auch die jetzt entstehende "Bürgerarbeit" ist nichts anderes - der sollte
Landesblindengeld beantragen aber nicht "Arbeitsministerin" sein.
17 Durch das bedingungslose Grundeinkommen z.B. kann der ganze Problemkomplex aus einem Punkt heraus
gelöst werden.
7

Zur Person:
Ralph Boes, geb. 1957, ist Referent und Vorstandsmitglied
der Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen e.V.
in Berlin, Mitbegründer der "Bundesagentur für Einkommen",
"Kunde" beim Jobcenter Berlin Mitte
und Vollzeit ehrenamtlich tätig.

Webseiten:
http://www.buergerinitiative-grundeinkommen.de
http://www.einkommensagentur.de
http://www.fuer-grundeinkommen.de
http://www.grundeinkommen-nein-danke.de

Quelle: http://www.buergerinitiative-grundeinkom...es/BUKA%208.pdf

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